App.net

02 Sep 2012
2. September 2012

Wie vermutlich einige meiner Leser auch, verfolge ich die jüngsten Entwicklungen bei Facebook und Twitter mit einiger Sorge. Facebook, aus Datenschutz-Sicht oft in der Kritik, hat z.B. diese Woche angefangen Werbung in die Timeline meiner iOS-Apps zu posten. OK, sie finanzieren sich über Werbung, das musste also früher oder später so kommen, dennoch irritieren die Anzeigen zunächst, da sie mehr oder weniger wie normale Postings aussehen.

Twitter sorgte in den letzten Wochen mit der Ankündigung seiner neuen API (Programmierschnittstelle) für Aufregung. Die Änderungen betreffen vor allem 3rd-Party-Clients wie z.B. den von mir vielgenutzten Tweetbot, der sogar die öffentliche Testphase seiner Mac-Version aufgrund von API-Beschränungen unterbrochen hatte. Den Clients wird beispielsweise künftig vorgeschrieben wie Timelines und Einzelansichten von Tweets auszusehen haben, desweiteren gibt es  Beschränkungen bei der maximalen Nutzerzahl sowie neue Zeitlimits für das Abfragen von Daten bei Twitter. Außerdem darf eine Twitter-Software nicht zusätzlich Client für einen anderen Dienst sein. Und es ist sicher auch hier nur eine Frage der Zeit bis Twitter-Apps von Drittanbietern gezwungen werden, Werbung in den Timelines anzuzeigen.

Das Problem bei beiden Diensten ist kurz gesagt, dass nicht die Nutzer im Mittelpunkt allen Handels stehen, sondern die Investoren und Werbekunden. Der Nutzer ist letztendlich kein Kunde der Unternehmen, sondern – mit seinen ganzen Daten, Kontakten und Inhalten, die geschaffen werden – das Produkt. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass der Betrieb solch großer sozialen Netzwerke teuer ist und viele Mitarbeiter und Server bezahlt werden müssen. Die Frage ist nur von wem.

Die Alternative ist, dass die Nutzer für die Verwendung des Dienstes zahlen. Das hat eine Reihe von Vorteilen. Nun steht der Nutzer im Mittelpunkt, denn der Anbieter lebt davon. Nur zufriedene User werden weiterhin ihre Beiträge zahlen, so dass der Betreiber bemüht sein muss, sein Angebot ständig zu verbessern. Neue Funktionen und Verbesserungen kommen somit vor allen den Benutzern zugute. Gleichzeitig reduziert sich das Spam-Aufkommen, denn die Registrierung von kurzfristig genutzten Accounts ist für den Spammer natürlich auch mit Kosten verbunden. Der Nachteil ist freilich, dass ein bezahlter Dienst nie so viele User haben wird wie ein freier Service. Weiterhin befindet sich die Infrastruktur nach wie vor in der Hand eines Betreibers (allerdings sind verteilte Services wie z.B. Diaspora bisher auch nicht richtig in Fahrt gekommen).

Wie auch immer, App.net ist vor wenigen Wochen als eine Twitter-Alternative auf Bezahlbasis gestartet. Dabei hat der Gründer – Dalton Caldwell - in einer Kickstarter-ähnlichen Sammelaktion erstmal angetestet, ob ein von ihm festgelegtes Minimum an Benutzern/Geldern innerhalb einer relativen kurzen Zeitspanne zusammenkommen würde. Dieses Ziel wurde erreicht und sogar um einiges übertroffen (dazu haben die jüngsten Entwicklungen um Twitter sicherlich beigetragen), es konnte also weitergehen. Mittlerweile befindet sich App.net in einer relativ frühen Betriebsphase, Alpha genannt, in der aber schon viele wichtige Grundfunktionen vorhanden sind. Den Betreibern ging es hierbei auch darum zu zeigen, dass mit dem Projekt keine leeren Versprechen abgegeben wurden, sondern tatsächlich eine entsprechende Plattform dahintersteht. App.net selbst versteht sich in erster Linie als Infrastruktur-Anbieter. Der bereits vorhandene Webclient soll nur eine Referenzimplementierung sein und 3rd-Party-Entwickler, die ebenfalls einen Jahresbeitrag zahlen, sind aufgerufen Clients aller Art zu programmieren. Auch zu den Entwicklern besteht also eine direkte Kundenbeziehung, wohingegen bei Twitter mehr und mehr der Eindruck entsteht, dass alternative Client-Software nicht wirklich gern gesehen wird.

Nachdem ich viel über App.net gelesen und mir das ein oder andere Interview mit Dalton angesehen habe, hielt ich das Anliegen für unterstützenswert und habe mir einen Account geklickt. Die Kosten liegen derzeit bei 50 Dollar im Jahr, also rund 3,50 Euro im Monat. Bei einer größeren Nutzerzahl kann das natürlich noch günstiger werden. Ansonsten gibt es viele Parallelen zu Twitter, den Benutzernamen wird ein @-Zeichen vorangestellt und es gibt das Follower-Prinzip. Beiträge können allerdings bis zu 256 Zeichen lang sein, was ich als ganz angenehm empfinde.

Zur Zeit befinden sich eine ganze Reihe von Clients in Entwicklung. Auf dem Mac nutze ich momentan “moApp” und auf dem iPhone “AppNet Rhino“. Natürlich ist alles noch längst nicht so ausgefeilt wie bei Twitter, denn das Projekt steht noch ziemlich am Anfang.

moApp

AppNet Rhino

Ich bin wie auf Twitter @mjasinski bei App.net und würde mich freuen, den einen oder anderen dort wiederzufinden. Da die Nutzerzahl noch sehr überschaubar und recht international ist, werde ich dort überwiegend in englischer Sprache posten. Ob aus dem Projekt eine wirkliche Alternative wird, wird sich zeigen, vorerst bleibe ich euch natürlich auch bei Facebook und Twitter erhalten.

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