Erste Eindrücke von Lion

23 Jul 2011
23. Juli 2011

Um mir einen ersten Eindruck vom neuen OS X „Lion“ zu verschaffen, habe ich das Betriebssystem auf eine externe USB-Festplatte installiert. So kann ich mir alles in Ruhe anschauen und Dinge ausprobieren, die für meine Arbeit wichtig sind, bevor ich mein Hauptsystem umstelle. Beim Booten meines Macs kann ich dann bei angeschlossener externer Platte entscheiden, ob ich Lion oder Snow Leopard starten möchte (durch Festhalten der Alt-Taste beim Einschalten).

Um Lion auf einer externen Platte installieren zu können, braucht man das System entweder auf einer DVD oder einem USB-Stick. Der App Store ist allerdings momentan die einzige Lion-Quelle und dort bekommt man nur eine Installationsdatei. Wie wir aus dieser Datei eine Installations-DVD (oder einen Stick) machen ist im Internet inzwischen an vielen Stellen beschrieben. Kurz zusammengefasst müssen wir einen Rechtsklick auf die Datei machen und „Paketinhalt zeigen“ auswählen. Im Paket ist die Datei Contents/SharedSupport/InstallESD.dmg das eigentliche Lion-Image. Mit Hilfe des Festplattendienstprogramms (unter Programme/Dienstprogramme) kann es auf eine DVD gebrannt werden. Dazu das Image mit dem Festplatten-Dienstprogramm öffnen und folgende Schritte ausführen:

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Die Herstellung eines Bootsticks funktioniert ebenfalls mit dem Festplattendienstprogramm, erfordert aber mehr Schritte (benötigt wird die Wiederherstellungsfunktion im Kontextmenü von InstallESD.dmg).

So eine Boot-DVD kann auch ganz nützlich sein, wenn die Festplatte mal den Geist aufgeben sollte.

Mit dem Bootmedium habe ich dann eine Installation auf besagter USB-Platte vorgenommen. Im Vergleich zu Snow Leopard wurde die Installation weiter vereinfacht, die Installationsroutine stellt weniger Fragen, leider ist dabei auch das schicke Intro-Video weggefallen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht alle neuen Funktionen von Lion vorstellen oder ein ausführliches Review erstellen, beides würde den üblichen Rahmen meiner Blog-Artikel sprengen. Alle Neuerungen sind auf dieser Apple-Seitebeschrieben, das ausführlichste Lion-Review finden wir bei Ars Technica. Stattdessen möchte ich mich auf die Dinge beschränken, die mir gefallen und die ich nicht so toll finde. Vielleicht fange ich einfach mal mit meinen – natürlich völlig subjektiven – Negativpunkten an.

Was mir negativ aufgefallen ist

Die berühmte Ampel am oberen linken Fensterrand ist kleiner geworden, zahlreiche Bedienelemente eckiger. Viele Icons in den Side- und Toolbars sind nun einfarbig, was sie m.E. schwerer unterscheidbar macht. Die neue Lederoptik von iCal und Adressbuch gefällt mir auch nicht wirklich, die beiden Programme wirken ein wenig wie Fremdkörper auf dem Desktop:

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Inzwischen kursieren schon mindestens zwei „Hacks“, um die Apps aufzuhübschen und in ein graues Design zu bringen. Im Falle von iCal denke ich mehr und mehr darüber nach, auf die Alternative BusyCal umzusteigen, auch wenn der Anschaffungspreis recht hoch ist.

Beide Programme haben auch keine Sidebar mehr, die ich eigentlich immer ganz praktisch fand. Die Zahl der neuen E-Mails zeigt Mail.app jetzt im iOS-Design mit weißem Rand um die Zahl an. Die Lesbarkeit ist dadurch meiner Meinung nach schlechter geworden:

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Läuft eine App im Vollbild-Modus bleibt ein eventuell vorhandener Zweitmonitor leider leer. Hier hoffe ich sehr, dass Apple noch im Laufe der 10.7er-Releases nachbessert.

Ersatzlos gestrichen wurde in Lion das Bedienelement, mit dem man Toolbars einklappen konnte, ich fand es eigentlich immer ganz praktisch:

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Warum das erst in Snow Leopard eingeführte Dock-Expose wieder entfernt wurde ist mir ein Rätsel. Ebenfalls entfallen ist die Mediacenter-App „Front Row“. Hätte ich kein Apple TV würde mich das sicherlich stören.

Man merkt an vielen Stellen in Lion, dass Apple früher oder später vom klassischen Dateisystem weg möchte. Beispiele dafür sind das neue Launchpad, das Verstecken des Library-Ordners, das automatische Speichern, die Rückgriffmöglichkeit auf frühere Dokument-Versionen und nicht zuletzt iOS. Für Computeranfänger ist das sicherlich ein Segen, bei fortgeschrittenen Usern bin ich mir da nicht ganz sicher. Wir werden sehen.

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Launchpad

Im Großen und Ganzen wären das dann aber auch schon meine Kritikpunkte. Dass noch nicht alle meine Lieblingsapps „Lion ready“ sind, möchte ich Apple nicht ankreiden.

Was mir positiv aufgefallen ist

Kommen wir zu den schönen Dingen. Vollbild-Apps gefallen mir, sie bieten mehr Nutzfläche, ablenkungsfreies Arbeiten und sind umso praktischer, je kleiner der Bildschirm ist. Das Vollbild-Konzept mit Spaces zu verheiraten finde ich clever gelöst. Viele Apps unterstützen diesen Modus schon, allein Terminal im Vollbild ist für mich ein Traum. Wo wir schon dabei sind, Terminal wurde ordentlich verbessert, man kann z.B. neue Terminals im gleichen Verzeichnis öffnen. Durch einen Rechtsklick auf einen Shell-Befehl können wir nun sogar die zugehörige Man-Page anzeigen lassen:

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Obwohl ich schon viel Kritik dazu gelesen habe, gefällt mir „Mission Control“ bis jetzt sehr gut. Die klare Anordnung nach Apps inklusive Einblenden des Icons finde ich deutlich übersichtlicher als früher. Dass man die Spaces (zu denen ja jetzt auch das Dashboard zählt) dort ebenfalls sehen kann, ist um so besser:

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Eine Expose-Funktion für einzelne Programme gibt es immer noch, nur ist sie wie leider schon oben erwähnt nicht mehr über das Dock erreichbar.

Optisch ansprechend sind auch die vielen Animationen, die Lion einsetzt. Ob man sich nach einigen Monaten daran immer noch erfreut, bleibt natürlich abzuwarten. Aber auch akustisch hat 10.7 was zu bieten, drei deutsche Stimmen in guter Qualität stehen nun zur Auswahl bereit, um sich damit beispielsweise Webseiten vorlesen zu lassen.

Deutlich aufgewertet wurde der E-Mail-Client. Durch die bis zu 3-spaltige Anzeige, sieht man mehr von einer E-Mail. Die Vollbild-Anzeige steht auch in Mail zur Verfügung, die Konversationsansicht sorgt für noch mehr Übersicht. Für das Erstellen von Nachrichten stehen mehr Formatierungsmöglichkeiten zur Verfügung, die Suchfunktion wurde merklich verbessert.

„Save early, save often“ – so lautet eine alte IT-Regel. Sie gilt unter Lion nur noch bei Programmen, die das neue automatische Sichern nicht unterstützen. Möchte man zu einer alten Dokumentversion zurück oder diesem nur einige Teile entnehmen, so kann man dieses über ein Time-Machine-artiges Interface erledigen („Versions“):

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Ebenfalls zur Datensicherheit – diesmal gegen Diebstahl – trägt die neue Festplattenverschlüsselung bei, welche nun alle Daten auf der Platte umfasst. Ideal z.B. für alle Unterwegscomputer wie das MacBook. Auch Time-Machine-Backups können optional verschlüsselt werden.

Generell verbessert wurden die Suchfunktionen – nicht nur in Mail. Spotlight bietet nun direkt eine Vorschau auf die gefundenen Dokumente:

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Abschließend stichpunktartig noch ein paar weitere Punkte, die ich für bemerkenswert halte:

  • Mac OS kann jetzt auch wie unter iOS Push-Notifications empfangen, d.h., Programme müssen nicht unbedingt laufen, um uns mit Infos zu versorgen.
  • Automator wurde mit interessanten neuen Aktionen ausgestattet.
  • Es gibt jetzt eine einheitliche Kontaktliste und einen einheitlichen Status über mehrere Dienste hinweg in iChat.
  • Beim Schreiben von Texten steht eine iOS-ähnliche Autokorrektur zur Verfügung.
  • Drückt man länger auf eine Taste wie z.B. das „A“, werden passende Sonderzeichen angezeigt, die man dann einfach einfügen kann.
  • Die Fenstergröße kann nun überall am Rand verändert werden.

Fazit

Für mich überwiegen die positiven Aspekte. Es fällt mir jetzt schon schwer, auf 10.6 umzubooten. Daher werde ich wohl relativ bald den Umstieg vollziehen, auch wenn noch nicht alle meine Lieblingsapps unter Lion laufen. Ich hoffe, dass das Update meines bestehenden Systems genauso unproblematisch verläuft, wie die hier beschriebene Neuinstallation auf einer externen Platte.



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